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Was brächte ein ungeregelter Brexit mit sich?

Ein fiktives Fallbeispiel: Die Mustermanns reisen nach London


London mit EU Fahnen  
Welche Auswirkungen könnte ein ungeregelter Brexit für die Bürgerinnen und Bürger in Niedersachsen haben? Jenseits der breit diskutierten Folgen für Wirtschafts- und Finanzbeziehungen, Wissenschaftsaustausch, Zukunft der EU-Förderung usw. gibt es auch Auswirkungen auf das ganz normale Leben der Menschen hier bei uns. Der folgende fiktive Fall soll mögliche Veränderungen aufzeigen am Beispiel einer Urlaubsreise nach London. Ob auf London-Reisende im kommenden Jahr tatsächlich solche Veränderungen zukommen, ist nicht absehbar. Das folgende angenommene Szenario gibt nur einen kleinen Überblick, was passieren könnte:

Das Ehepaar Mustermann plant im Sommer 2019 kurzfristig, wieder einmal für ein verlängertes Wochenende nach London zu reisen. Sie haben in der Vergangenheit die Atmosphäre der britischen Metropole schon häufiger bei Kurztrips genossen. Auf ihrem aktuellen Reiseprogramm steht ein Besuch im Britischen Museum, auch ein Kinobesuch am Leicester Square und des Smithfield Market ist geplant. Und zum Abschluss wollen sie am Samstag unbedingt den Antiquitätenmarkt in der Portobello Road im Stadtteil Notting Hill besuchen.

Frau Mustermann hat bereits über das Internet eine Unterkunft in der Nähe des Bahnhofs Paddington gebucht. Wegen der neuen Regeln im Finanzverkehr zwischen der EU und Großbritannien ist das Bezahlen deutlich komplizierter und sie muss nun etwas länger auf ihre Buchungsbestätigung warten.
Auch der Flug wird über das Internet gebucht. Doch anders als in den Vorjahren ist der Trip von einem norddeutschen Flughafen nach London deutlich teurer, weil Flüge aus der EU nach Großbritannien nun nicht mehr wie Inlandsflüge abgerechnet werden. Es werden nun höhere Gebühren fällig, die das Flugticket verteuern.

Außerdem wird Frau Mustermann darauf aufmerksam gemacht, dass sie und ihr Gatte für ihren Trip nach London eine Anreisegenehmigung online beantragen müssen. Auf einer offiziellen Website der britischen Regierung müssen sie jeder für sich einen Fragebogen ausfüllen. Innerhalb weniger Minuten sagt ihnen das System nach erfolgter Sicherheitsüberprüfung, ob sie anreisen dürfen. Die gebührenpflichtigen Anträge müssen sie spätestens 72 Stunden vor Reiseantritt abgeschickt haben.
Auch das war in den Jahren zuvor nicht erforderlich. Nach der Landung müssen sich Herr und Frau Mustermann einer genauen Einreisekontrolle unterziehen. Anders als noch im Vorjahr gibt es den separaten Zugang für EU-Bürger nicht mehr, der den Mustermanns ein schleuniges Passieren der Ausweiskontrolle ermöglichte. Jetzt wird jeder Reisende individuell überprüft, der kein britischer Staatsbürger ist. Außerdem werden den Mustermanns Sicherheitsfragen gestellt, denn die vorliegende Anreisegenehmigung stellt keine automatische Berechtigung zur Einreise dar. Die Warteschlange für Reisende vom Kontinent ist lang. Der Aufenthalt im Flughafen verlängert sich erheblich.
Die Mustermanns sind in den vergangenen Jahren auch schon einmal mit dem eigenen Wagen angereist, weil sie nicht nur London, sondern auch eine befreundete Familie in Reading in der Grafschaft Berkshire besuchen wollten. In diesem Jahr aber haben sie sich dagegen entschieden. Berichte von langen Wartezeiten an den Kanalhäfen haben sie abgeschreckt. Insbesondere die Fernsehbilder vom Hafen in Dover haben sie beeindruckt, wo sich Tag für Tag wegen der aufwändigen Zollkontrollen die Lastwagen kilometerlang stauen. Das Risiko eines erheblichen Zeitverlustes wollten Mustermanns nicht eingehen. Außerdem müssten sie eine gesonderte Kfz-Haftpflichtversicherung abschließen, was ihnen zu umständlich ist.

Außerdem hatten beide versäumt, sich im Vorfeld der Reise einen Internationalen Führerschein zu besorgen. Früher reichte der europäische Führerschein aus. Ob das im Sommer 2019 in Großbritannien auch noch ausreichend ist, mochte ihnen niemand in Deutschland rechtssicher bestätigen. Deshalb gingen sie lieber auf Nummer sicher und ließen den Wagen stehen. Früher hatten die Mustermanns bei ihren London-Reisen auch das eine oder andere Mal kurzentschlossen einen Mietwagen geliehen. Doch auch davon lassen sie jetzt lieber die Finger.
Vom Flughafen Heathrow bringt der „Heathrow Express“ die Mustermanns innerhalb von 15 Minuten zum Bahnhof Paddington. Im Vorjahr kostete ein Rückfahrticket pro Person 37 Pfund, damals schon ein hoher Preis. Im Sommer 2019 müssen die Mustermanns mehr bezahlen. Der Wertverfall des Pfunds gegenüber dem Euro treibt die Preise.

Dennoch genießen die Mustermanns ihre Reise sehr. London ist eine fantastische Stadt mit tollem Flair. Innerhalb der City sind sie viel zu Fuß unterwegs. Doch dann knickt Herr Mustermann bei einem Bummel über den Smithfield Market unglücklich um. Der Knöchel schwillt an und schmerzt. Um abzuklären, ob er sich vielleicht Bänder verletzt hat, humpelt Herr Mustermann gestützt von seiner Frau ins St. Bartholomew Hospital gleich gegenüber. Das St. Barts wird vom National Health Service betrieben, der in Großbritannien wohnhafte Personen kostenfrei behandelt. Und auch Bürger der EU wurden bis zum Brexit kostenfrei notfallärztlich versorgt. Das hat sich nun geändert. Selbst die Europäische Krankenversicherungskarte hilft Herrn Mustermann nicht weiter. Diese gilt in Großbritannien nicht mehr. Er muss nun bar zahlen. Mit einer vollen Erstattung der Kosten kann er nicht rechnen, weil er keine gesonderte Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hat.
Trotzdem ist Herr Mustermann erleichtert. Die Untersuchung hat ergeben, dass er nur eine leichte Bänderdehnung erlitten hat. Nichts, was sich nicht mit einem leichten Stützverband, festem Schuhwerk, einem leichten Schmerzmittel und Schonung beheben ließe. Leider hat die Apotheke keine Schmerzmittel mehr vorrätig. Die Apothekerin meint, mangels Medikamentenzulassung in England könnten zurzeit die Bestände nicht nachgefüllt werden. Alle Apotheken seien insoweit ausverkauft; es gäbe noch nicht einmal etwas „unter dem Tresen“.

Die langen Spaziergänge sind nun tabu, so dass der Abschlussbesuch der Portobello Road am Samstag flach fällt. Aber immerhin fährt ja der „Heathrow Express“ verlässlich. Die Mustermanns fahren am Abreisetag deutlich eher mit dem Zug als sie es in den Vorjahren gewohnt waren. Sie planen jetzt mit einer längeren Verweildauer auf dem Flughafen. Man weiß ja nicht, wie lange die Zollkontrollen nun dauern werden.

Trotzdem sind sich die Mustermanns sicher, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen. Dazu sind sie einfach viel zu große Freunde der Stadt und seiner Bewohner.

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