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Studieren in Großbritannien – Was könnte sich ändern?

Studieren in Großbritannien – Was könnte sich ändern?

Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stehen auch Änderungen in der Bildungszusammenarbeit an. Sollte die Bemühungen um ein Austrittsabkommen erfolgreich sein, haben beide Seiten mindestens bis Ende des Jahres 2020 Zeit, Fragen über die künftige Zusammenarbeit zu klären – auch bei den Themen Studium und EU-geförderter Schüleraustausch. In der Zwischenzeit würde Großbritannien trotz des Austritts weiterhin behandelt werden wie ein EU-Mitgliedstaat. Sollte es aber zu einem harten Brexit kommen, würde sich die Situation schlagartig ändern. Für diesen Fall stehen folgende Änderungen zur Debatte:

Zunächst würde sich die Frage der Visa-Freiheit für Austausch-Studentinnen und -Studenten stellen. Als Mitgliedstaat der EU gewährt Großbritannien bislang anderen EU-Bürgern im Sinne der Niederlassungsfreiheit dieselben Rechte wie britischen Bürgerinnen und Bürgern. Mit dem harten Brexit wäre das erst einmal vorbei.

Stichwort Studiengebühren

Für deutsche Staatsangehörige wäre zudem ein Studium in Großbritannien nach dem Brexit laut Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) nur noch ein Jahr förderfähig. Aus bildungspolitischen Gründen und zur Vermeidung unbilliger Härten hat die Bundesrepublik jedoch bereits entsprechende Übergangsregelungen beschlossen. Demnach soll Auszubildenden, die noch vor Austritt Großbritanniens einen Ausbildungsabschnitt an einer Ausbildungsstätte im Vereinigten Königreich beginnen oder fortsetzen, ungeachtet eines ungeordneten Austritts weiterhin Ausbildungsförderung nach Maßgabe des BAföG bis zum Abschluss oder Abbruch dieses Ausbildungsabschnitts geleistet werden.

Ungeklärt ist außerdem, ob die Kosten für ein Studium in Großbritannien steigen werden. Dieses hängt letztlich davon ab, ob Großbritannien weiterhin Studierenden aus der EU einen privilegierten Status zubilligt. Falls nicht, müssten Studierende aus der EU dann die regulären Gebühren für ausländische Studierende entrichten. Dieses könnte zu einer Verdreifachung der jährlichen Gebühren auf bis zu 30.000 Pfund (rund 33.800 Euro) führen. Dieses würde auch für Studierende gelten, die über das „Erasmus“-Programm der Europäischen Union bislang kostenfrei in Großbritannien studieren konnten. Jedenfalls für Studierende, die ihr Studium noch im Herbst 2019 an einer Universität in Großbritannien beginnen, hat die britische Regierung zugesagt, dass diese nur die für einheimische Studierende geltenden Studiengebühren zahlen müssen.

Hinzu kommt, dass alle Studierenden aus der EU in Großbritannien bislang Zugang zu den national finanzierten Gebührenvolldarlehen für das grundständige Studium der „Student Loans Company“ (SLC) haben. Somit unterliegen sie den gleichen Rückzahlungsbedingungen wie britische Studierende. Mit Beginn eines Masterstudiengangs (meist einjährig) können dann 10.000 britische Pfund als Gebührenstipendium in Anspruch genommen werden. Ob beide Möglichkeiten nach dem Brexit bestehen bleiben, ist derzeit nicht vorhersehbar und hängt von den Verhandlungen ab.

Vor diesen Hintergründen könnte es zu einem Rückgang beim Studierendenaustausch bzw. der allgemeinen Anzahl der Studierenden aus der EU in Großbritannien kommen.

Anerkennung von Berufsqualifikationen

Großbritannien würde bei der Frage der Berufsanerkennung als Drittstaat behandelt werden. Dies würde im Vergleich zur derzeitigen Rechtslage eine Schlechterstellung für Inhaber britischer Abschlüsse bedeuten. So gäbe es beispielsweise für Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge Humanmedizin, Zahnmedizin und Veterinärmedizin, für Apothekerinnen und Apotheker sowie Architektinnen und Architekten keine Anerkennung anhand des erworbenen Berufsabschlusses mehr. Unter Umständen werden hier aufwendige Einzelfallprüfungen der Gleichwertigkeit der erworbenen Berufsqualifikationen erforderlich. Soweit es jedoch um eine in Großbritannien erworbene Berufsqualifikation geht, die vor Austritt Großbritanniens aus der EU bereits in Deutschland anerkannt wurde, gilt die Anerkennung aber jedenfalls auch nach einem ungeregelten Brexit weiter.

Anerkennung von schulischen Qualifikationen

In diesem Bereich greift die Europäische Konvention über die Gleichwertigkeit der Reife-zeugnisse, die von Großbritannien im Jahr 1954 unterzeichnet wurde. Die einzelnen Bundesländer führen Zeugnisanerkennungsverfahren und Gleichwertigkeitsprüfungen durch, weshalb keine Änderungen im Anerkennungsverfahren der Zeugnisanerkennungsstellen zu erwarten sind.

Schulpartnerschaften

Bei strategischen Schulpartnerschaften, die über das EU-Programm „Erasmus+“ gefördert werden, wird es im Fall eines harten Brexits Änderungen geben müssen. Dem Vernehmen nach wäre die EU-Förderung neuer Schulpartnerschaften mit Einrichtungen in Großbritannien wegen des Brexits ohne neue Regelung nicht mehr möglich. Das wäre mehr als bedauerlich, denn die EU fördert über „Erasmus+“ internationale Partnerschaftsprojekte im Schulbereich mit erheblichen Summen. Allein für das kommende Jahr 2019 stehen hierfür laut Auskunft der EU in Deutschland 40 Millionen Euro zur Verfügung (siehe hierzu: https://www.kmk-pad.org/programme/erasmusplus/). Und ab 2021 sollen die Mittel für „Erasmus+“ vonseiten der EU deutlich aufgestockt werden.

Voraussetzung für eine weitere Beteiligung Großbritanniens am „Erasmus+“-Programm wäre der Abschluss entsprechender bilateraler völkerrechtlicher Verträge. Diese müssten zwischen der EU-Kommission und Großbritannien verhandelt werden, wobei ein Beitrag des Vereinigten Königreichs an der Programmfinanzierung erwartet würde. Letzteres lässt den schnellen Abschluss eines solchen Abkommens nicht unbedingt als gegeben erscheinen.

Die gute Nachricht zum Schluss

Für deutsch-britische Schulpartnerschaften, die nicht von der EU-gefördert werden, ändert sich nichts, da diese bilateral zwischen Schulen bestehen. Und auch bereits laufende Projekte und Schulpartnerschaften mit EU-Förderung sind aufgrund der Gültigkeit geschlossener Verträge bis zum Projektende nicht betroffen.


Artikel-Informationen

06.05.2019

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