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1. Februar: Happy Brexit Day? - Jetzt könnte der Ärger erst richtig losgehen

Von Silvia Kusidlo, Christoph Meyer und Verena Schmitt-Roschmann, dpa

Jahrelang standen sich die Befürworter und Gegner des Brexits unversöhnlich gegenüber. Nun zeigt sich nach dem vollzogenen EU-Austritt: Daran hat sich in Großbritannien nichts geändert.

London/Brüssel (dpa) - Nur wenige Stunden nach dem Brexit Großbritanniens präsentiert sich London ganz friedlich. Für das Land bricht eine neue Ära an. Die Sonne lacht am Samstag über dem Londoner Parlament, in dem mehr als dreieinhalb Jahre heftig über den EU-Austritt gestritten wurde. Der nahe gelegene Parliament Square, auf dem Brexit-Anhänger lautstark in der Nacht zuvor die Scheidung von Brüssel feierten, ist blitzblank. Alles gut? Der Schein trügt. Der Ärger um die Trennung von der EU könnte nun richtig losgehen.

Denn London muss mit Brüssel bis Ende des Jahres über die künftigen Beziehungen verhandeln, auch über ein Handelsabkommen. In der Zeitspanne seien so komplexe Themen kaum zu schaffen, sagen viele Experten. Premier Boris Johnson, der sich am Brexit-Tag bewusst im Hintergrund gehalten hat, regiert ein völlig zerrissenes Land. Vor allem in Schottland, aber auch in Wales und Nordirland wächst die Wut auf die Regierung und das Streben nach Unabhängigkeit.

Das Land einen - das war daher Johnsons Kernbotschaft in seiner Rede zum Brexit-Tag. «Es ist ein Moment der echten nationalen Erneuerung und des Wandels», sagte er pathetisch. Er hat sie allerdings nicht persönlich verkündet, sondern lieber per kurzer Videobotschaft.

Die Zerrissenheit des Landes und Wut vieler Briten zeigten sich auch auf der Party beim Parlament: Union-Jack-Fahnen, Schmähgesänge auf Brüssel, eine EU-Flagge wieder unter Gejohle verbrannt. Hunderte, wenn nicht gar Tausende versammelten sich auf dem Platz gegenüber des Wahrzeichens Big Ben und begrüßten den Chef der Brexit-Party, Nigel Farage, wie einen Messias. Er sprach «vom größten Moment in der jüngeren Geschichte» der «großen Nation» Großbritannien.

Brexit-Anhänger empfingen einen Protestzug von Brexit-Gegnern zuvor mit wüsten Schmähungen. «Verräter» und «Verlierer» gehören noch zu den harmloseren Begriffen, die ihnen entgegengeschleudert wurden. Viele waren betrunken, obwohl Alkohol verboten war. Doch insgesamt, so resümierte die Polizei, verlief der Brexit weitgehend friedlich.

Auf ein gutes Ende der Streitereien setzt Clem Rutter aus Rochester in der Grafschaft Kent: «Es wird eine Wiedervereinigung mit der EU geben. Die Frage ist nur, wie lange das dauert.» Der 68-jährige Engländer fürchtet wirtschaftliche Schäden durch den Brexit und fährt zu Demonstrationen auch nach London. «Man muss etwas tun.»

Die 76-jährige Brenda Brooks ist dagegen froh über den Brexit: «Die EU will ein Superstaat werden», sagt die Seniorin aus Devon im Südwesten Englands. Sie hat bei der letzten Wahl Johnsons Konservative Partei gewählt. Früher sei Europa wunderbar vielfältig gewesen, doch die EU verschwende zu viel Geld und wolle alles vereinheitlichen. «Wir wollen unsere Unabhängigkeit.»

Britische Weltkriegsveteranen brachten ihre Enttäuschung über den EU-Austritt ihres Landes auf besondere Weise zum Ausdruck: mit Hilfe einer riesigen Projektion auf den Klippen der Hafenstadt Dover. «Ich bin sehr, sehr traurig über das alles», sagte der 95-jährige Sid in der von einer EU-freundlichen Kampagne veröffentlichten Aufnahme, die rasend schnell via Twitter verbreitet wurde. «Wir wollen zusammen sein und wir werden zusammen sein, da bin ich mir sicher.»

Ähnlich äußerte sich auch der 97-jährige Stephen Goodall. «Ich bin sehr bedrückt, dass wir Europa verlassen, weil es mir so viel bedeutet hat», sagte er in dem kurzen Film. «Ich mag es, ein Europäer genannt zu werden. Das Gefühl der Kameradschaft, das man hat, wenn man durch Europa reist, das ist echt etwas Besonderes.» Die Aufnahme, die auch ins Deutsche und Französische übersetzt wurde, endete mit einem Bild eines der zwölf europäischen Sterne. Darunter stand geschrieben: «Das ist unser Stern. Passt für uns auf ihn auf.»

In der EU geht das vielen zu Herzen, zumal die Abkehr der Briten immer noch Trauer und Unverständnis stiftet. «Der Brexit ist nach wie vor ein schrecklicher Gedanke für mich, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen», schrieb der ehemalige Brexit-Beauftragte des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, am Samstag auf Twitter.

Viele ahnen, dass auch die EU in den nächsten Monaten auf eine schwere Probe gestellt wird: Sie muss nun Einigkeit demonstrieren und beweisen, dass sie etwas zustande bringt - dass sie sich tatsächlich für die Europäer lohnt. Die EU-Spitzen sprachen sich am Brexit-Tag dafür selber Mut zu. Und EU-Ratschef Charles Michel versuchte es sogar mit Humor. «Always look on the bright side of life», hielt er es auf Twitter mit der britischen Comedytruppe Monty Python. Immer schön positiv bleiben.

Artikel-Informationen

03.02.2020

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