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Wirtschaftliche Herausforderungen durch den Brexit

1. Grundsätzliche Bedeutung und wirtschaftliche Verflechtung

Die wirtschaftlichen Verflechtungen Niedersachsens mit dem Vereinigten Königreich (VK) sind stark. 2019 gab es Ausfuhren ins VK mit einem Volumen von 6.122 Millionen Euro (Platz 4 nach den Niederlanden, Frankreich und den USA; 2016 war das VK noch zweitwichtigster Handelspartner). Das entspricht einem Anteil an Gesamtausfuhren in 2019 von 7,2 %. Seit 2015 sind die Ausfuhren ins VK um 13,8 % zurückgegangen. 2017 waren ca. 1,1 % der Arbeitsplätze in Niedersachsen mit den Ausfuhren dorthin verbunden. Demgegenüber stehen Einfuhren von etwa 3,2 Milliarden Euro, was einem Anteil von etwa 3,5 % entspricht. Der Import von britischen Waren ging in den vergangenen Jahren deutlicher zurück. Grundsätzlich ist Niedersachsen damit überdurchschnittlich stark vom Brexit betroffen. Nur Baden Württemberg, Bayern und Nordrhein Westfalen sind stärker vom Brexit betroffen. Dabei spielt vor allem die Automobil- und Zuliefererindustrie eine Rolle.

Der Anteil an EU-Exporten ist seit Anfang der 2000er Jahre von 8,3 % stetig auf 7,2 % gesunken. Ein großer Teil der Tätigkeit in den niedersächsischen Häfen entfällt auf den EU-VK-Export (Cuxhaven wickelt bis zu 80 % seines Warenverkehrs mit dem VK ab) . Die Häfen haben sich aber mit Pufferflä-chen für einen Rückstau an Waren im Falle eines harten Brexit gewappnet. Teilweise könnten die niedersächsischen Häfen von einer Verlagerung von Verkehrswegen profitieren.

Wichtigste Exportprodukte aus Niedersachen ins VK sind (noch immer) Personenkraftwagen und Wohnmobile, Lastkraftwagen und Spezialfahrzeuge, Geräte zur Elektrizitätserzeugung, Fleisch und Fleischwaren, Papier und Pappe.

2. Prognose zu möglichen Folgen des Brexit für Deutschland und Niedersachsen

Die deutsche Wirtschaft reagiert bereits seit dem Referendum auf die Herausforderungen des Brexit. Schon lange designen viele Hersteller britische Komponenten aus ihren Produkten heraus, um sich abzusichern, so ging allein 2018 der Import um 9 % zurück. Belastend wird sich auch ein Mehrbedarf an Zollbeamten in den niedersächsischen Häfen auswirken. Die Bürgerinnen und Bür-ger Niedersachsen müssten bei einem harten Brexit im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 81 bis 113 Euro einplanen (absolut 0,3 % der lokalen Wirtschaftskraft) und dies ohne die Folgen der Corona-Krise. Das liegt leicht unter dem deutschen Durchschnitt von 115 Euro. Irland und die Nie-derlande wären relativ zur Einwohnerzahl am stärksten getroffen (726 Euro bzw. 873 Euro). In Nie-dersachsen wird die Region Weser-Ems wohl am stärksten vom Brexit getroffen (leicht über dem deutschen Durchschnitt). Die Regionen Lüneburg und Braunschweig werden dagegen wohl weni-ger stark vom Brexit getroffen werden.

3. Besonderheit Fischerei

Die Fanggründe in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Großbritanniens sind außeror-dentlich gut. EU-Fischereifahrzeuge erwirtschaften einen großen Teil ihrer Fangquote in diesen Gewässern. Die vier deutschen Hochseetrawler erzielen 80 % der Fänge in den Gewässern der bri-tischen AWZ, kleinere Fahrzeuge können wohl besser auf andere Gebiete ausweichen. Die EU möchte einen möglichst unveränderten Zugang zu den Fischereigewässern der britischen AWZ. Derzeit gilt ein Verteilungsschlüssel der die Fangzusammensetzung der EU-Flotten in den Jahren 1973 bis 1978 widerspiegelt. Das VK strebt einen möglichst eigenständigen Fischereivertrag an, nach dem die Quoten künftig pro Fischart jährlich ausgehandelt werden. Das liegt auch daran, dass das Thema auf britischer Seite besonders emotional aufgeladen ist. Für die EU ist diese Frage untrenn-bar mit der allgemeinen Frage des Zugangs zu EU-Binnenmarkt verknüpft: Der grundsätzliche Zu-gang zu Fischereigebieten wäre eine Gegenleistung für den Zugang zum Binnenmarkt. Von einem ungeregelten Brexit wären in Niedersachsen 350 Arbeitsplätze direkt betroffen. Hinzu kommen möglicherweise noch Arbeitsplätze im nachgelagerten Bereich des fischverarbeitenden Gewerbes.

Im Verhältnis zum VK exportiert Deutschland als einziges Land mehr Fischereiprodukte, als es im-portiert (Export 230 Mio. Euro gegenüber. 105 Mio. Euro). Dabei geht es neben den Fangquoten auch um die deutsche verarbeitende Fischindustrie. Durch eine Umverteilung der Fangquoten könnte diese auf Fänge aus dem VK angewiesen sein.

4. Brexit und Corona-Krise

Die immer differenzierteren Global Value Chains sind besonders von der Corona-Krise betroffen und haben hohen Anteil an dem gerade beginnenden wirtschaftlichen Schock. Aufgrund der hohen Dynamik der Krise lassen sich belastbare Hypothesen zu den Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht aufstellen. Das gilt insbesondere in Zusammenhang mit dem Brexit. Es gibt Anzeichen, dass es in vielen Bereichen Initiativen zur Regionalisierung geben wird. Davon könnte die EU mit ihren viel-schichtigen Lohnstrukturen in den Mitgliedstaaten mehr als das VK profitieren.

Das VK erschwert sich auch den Zugang zu wichtigen Spezialprodukten in der Corona-Krise. So gab es im VK vor der Krise keinen Hersteller für Beatmungsgeräte. So musste Boris Johnson Rolls Royce anweisen Beatmungsgeräte zu produzieren und musste ansonsten auf europäische Hersteller zu-rückgreifen, prominentestes Beispiel die Drägerwerke.

Die Corona-Krise belastet den ohnehin schon ambitionierten Zeitplan der Verhandlungen. Damit sind auch die Unternehmen in doppelte Hinsicht belastet. Sie müssen mit zwei unkalkulierbaren Risiken planen. Dies könnte bewirken, dass Investitionen statt ins VK in die EU verlegt werden.

Artikel-Informationen

02.06.2020

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